Kurt Michel

27. 12. 1981

 

Nach einem Studium am Technikum zu Mittweida verlebte Oskar Michel, Sohn des Brauermeisters und Kremschambesitzers Karl Gustav August Michel und seiner Ehefrau Alma Michel geb. Paul, ein vergnügtes Jahr in Berlin und entschloss sich dann, zur Eisenbahn zu gehen. Die mittlere technische Laufbahn zum Eisenbahnwerkmeister begann mit Schlossertätigkeit im Reichsbahnausbesserungswerk, dann als Lokheizer, Lokführer, Werkmeisteraspirant und dann als Werkmeister. Sein Vater hatte wohl nach damaliger Ansicht einen etwas zu lebhaften Lebenswandel geführt; nach zweijähriger Ehe beschloss seine Familie samt seiner Frau, ihm eine Fahrkarte nach Amerika zu besorgen, wie es damals üblich war. Er fand dann als Bierbrauer Arbeit in St. Louis. Seine Briefe an seine Ehefrau Alma Michel, die ein 5/4 Jahr später einen Sohn Oskar Michel gebar, wurden von ihr aber nie beantwortet trotz seiner Bit­ten, ihm nachzukommen. Sie war klein, sehr energisch und übernahm später ein Putzgeschäft mit Damenhüten in Löbau, und zwar zusammen mit ihrer Kusine Frau Rätze, verwandt mit den Klavierbauern Crasselt & Rätze in Löbau. Die Familie Michel ließ sich anhand von Papieren bis 1700 nachweisen, damals lebte ein Vorfahr in Herrnskrechen (CSSR), ein Ortsteil auf alten Karten ist noch mit Michelsberg bezeichnet. Bis auf Oskar Michel waren alle Vorfahren Brauer, einstmals war auch der jetzt abgerissene Gerichtsekretscham in Neugersdorf von einem Michel gepachtet. Karl August Michel machte seinem Leben selbst ein Ende, nachdem er eine Lebensversicherung mit Selbstmordklausel abgeschlossen hatte. Oskar Michel erhielt daraufhin eine Nachricht eines amerikanischen Rechtsanwalts, bei Teilung Halb zu Halb wollte er die Versicherung einklagen, worauf der Sohn Oskar Michel, damals Werkmeister in Leipzig mit den übersandten Dollars seine Studentenschulden bezahlte und Möbel für die Wohnung kaufte.  

In Hoyerswerda lernte Oskar Michel in dem kleinen Cafe Ernestine, eine bildhübsche junge, als Haushalthilfe und auch im Cafe helfende Frau kennen. Da er, aus Berlin kommend, etwas sehr energisch vorging, musste ihn der Konditor Oskar Schuster zurechtweisen, sie sei keine Kellnerin, sondern seine Schwägerin. Es nutzte jedenfalls nicht viel, die Liebe war bald beiderseitig. Auf energisches Betreiben von Helene Schuster, die über den Lebenswandel ihrer Schwester wachte, hei­rateten die beiden in Breslau. Nach 7 Monaten stellt sich dann schnell ein gut ausgewachsenes Knäblein ein; ein Sturz von der Bodentreppe hatte die Geburt beschleunigt (?). So betrat ich, Kurt Alfred Oskar Michel, am 14. 12. 1904 die schöne, damals noch ruhige Welt. 

Mein Vater wiegte mich etwas zu energisch im damals benutzten Steckkissen. Im hohen Bogen fiel ich heraus auf den Tisch, von dort aufs Sofa, vom Sofa unter den Tisch und dann unters Sofa. Nein Protest soll ziemlich lautstark gewesen sein, und meine Mutter wird ihren Mann auch nicht gerade leist ausgeschimpft haben!  

Meine Eltern wohnten sehr einfach in der sogenannten Klappergasse, genannt nach den Holzbohlen über der damals offenen Abflussrinne, nicht weit von der neuerbauten Konditorei gegenüber dem Burgkeller. Hoyerswerda besaß damals eine ehemalige Wasserburg, die später als Amtsgerichtsgefängnis benutzt wurde, davor dehnte sich eine große Wiese aus, auf der Jahrmarkt gehalten wurde. Auch mein Onkel Schuster baute eine große Zeltbude auf, in der Konditorwaren, Kaffee und Bier ausgeschenkt wurden, Eine kleine Episode: Die Backwaren wurden in großen Holztruhen transportiert, die unbenutzt herumstanden. Die beiden Kurt und Margarete hatten sich beim Versteckspiel in die Kiste begeben. Leider fiel die Zuhaltung herunter, und sie konnten nicht mehr heraus. Die Kiste schloss ziemlich luftdicht ab, wäre nicht zufällig meine Mutter vorbeigegangen und hätte Geräusche vernommen, wären die beiden in der Truhe erstickt. Als Drei- und Vierjähriger pilgerte ich natürlich oft zu Onkel und Tante Schuster, der Weg war nicht weit, Autos gab es noch kaum und Pferdefuhrwerke achteten doch eher auf solch kleinen Knirps. Gegenüber der Konditorei stand noch eine Pumpe, die ich oft benutzte, um meinen spitzen Tirolerhut mit Wasser zu füllen, zur Belustigung von Onkel und Tante, weniger angenehm für meine Mutter, da ja nicht nur der Hut nass wurde.  

Als aufmerksamer Beobachter sah ich meiner Mutter zu, wenn sie die Frühstücksschnitten für Vater zurechtmachte. Das konnte ich auch, ich nahm mir daher Brikette aus dem Kohlenkasten und beschmierte sie andächtig mit Butter. Meine Briketts sollten genau so gut gebrannt haben wie mein Hinterteil, von Muttern gut bearbeitet. Mein Vater nahm mich mit zum Friseur, wahrscheinlich damit die Mutter mal Ruhe hatte in der kleinen Wohnung. Mein Interesse war groß, das Haarschneiden interessierte mich und regte zur Nachahmung an. Kurz entschlossen klemmte ich meine, 3 Jahre jüngere Schwester trotz lebhaften Protestes zwischen die Beine, und mit Mutters Schere schnitt ich Löcher in ihre wunderschönen blonden Locken. Wiederum brannten nicht Brikette, sondern mein Hinterteil. Diese Schandtat wurde mir lange nicht verziehen, da daraufhin die Locken total fallen mussten und das Haar nie wieder lockig nachwuchs,  

In meinem fünften oder sechsten Lebensjahr musste es gewesen sein, als Vater als Aspirant nach Halle versetzt wurde, Wir wohnten erst außerhalb von Halle. Beim Umzug hatte Vater die Gasschiebelampe nicht recht befestigt, jedenfalls weckte Mutter in der Nacht durch das Krächzen meiner Schwester auf, die ganze Wohnung war voller Gas und ich bereits bewusstlos, nach Öffnen aller Fenster kamen wir dann langsam zu uns es wäre bald das Ende einer hoffnungsvollen Jungenslaufbahn gewesen, ein Wunder, wenn so ein Knäblein groß wird. Ein anderes Ma1 ertrank ich beinahe, fiel in einen Springbrunnen zwischen Beckenrand und Abflussrohr, eine Frau zog mich heraus Andermal wettete ich mit einem Freund, ich könne die Schnell- oder Straßenbahn Halle-Merseburg aufhalten. Ich setzte meinen Fuß und wartete gespannt was geschah. Die Notbremse gelang, der Schaffner stürzte heraus und verdrosch mich, anschließend noch mein Vater; ich tat es nicht mehr.  

Später zogen wir in die Innenstadt in eine etwas größere Wohnung, da die erste Wohnung zu verwanzt war. Leider hatten wir die lieben kleinen Tierchen mit den Möbeln mitgenommen. Ein Kammerjäger verklebte Schlafzimmertür und Fenster, die Eltern schliefen auf dem Küchenboden, ich in einer Nische unter dem Küchenfenster; nur unter heftigem Protest verließ ich diese herrliche Schlafstätte. Meine ersten Milchzähne verlor ich beim Friseur. Ein Groschen fürs Haarschneiden und ein Groschen für das Zahnziehen, das besorgte alles der Mann im weißen Kittel so war es üblich und klappte. Die Haare wurden möglichst einen Millimeter unter der Haut geschnitten, da war das Kopf waschen einfacher für meine gute Mutter. Doch bald erfolgte der Umzug in den neu erbauten Leipziger Hauptbahnhof, an deren Bau mein Vater zum Schluss mitbeteiligt war, und. zwar im damals noch preußischen Teil.

Unsere Wohnung lag im Westteil im II. Stock des Bahnhofs, sie war sehr groß, sowohl für meine Mutter zum Bewirtschaften als auch finanziell. Vorn heraus zur damaligen Blücherstraße gab es 4 große zentralbeheizte Zimmer, wovon das erste unser Kinderzimmer war, das zweite das Wohnzimmer, das dritte das sogenannte „Gute Zimmer“ für die Festtage, das vierte war leer, da ja das Geld zum Möblieren im damaligen Jugendstiel mit den restlichen Dollars nur für ein Zimmer langte. Steife Lehnen an Sofa und Stühlen, scheußlich unbequem, aber damals modern.

Hinterhaus ein großes Elternschlafzimmer mit 2 Fenster zu einem Lichthof, an den auch der ca. 18 m lange Flur grenzte sowie das Bad und Mädchenzimmer, während die Küche nach einem weiteren Lichthof lag, der auch das Treppenhaus und die Nach­barwohnung von Nachbar Lux beleuchtete. Zwar wurden aus Sparsamkeitsgründen die Heizkörper abgeschaltet, aber Vater war ja nicht umsonst Schlosser und hatte das Heizwerk unter sich - warm hatten wir es überall.  

Klopfstange auf dem Dach, beliebter Spielplatz von uns Kindern, Zum Bahnhofsdach führte eine Treppe, um den Lichtfensterputzern die Arbeit zu erleichtern. Zum Fortbewegen gab es ein Brett auf Rädern, damit stießen sich die Putzer ab. Normal waren die Bretter angeschlossen, doch hatten wir dies bald heraus und fuhren lustig mit dem Schrubber herum, was unten dem Bahnhofspersonal Ärger bereitete. Wenn wir nicht schnell genug ausrissen, gab es Ärger und vom Vater Kloppe. Gespielt wurde vor dem Bahnhof mit den Zweirädern der Dienstmänner oder auf der Begrenzung der Rampe zum Güterbahnhof. Vor der Haustür warteten meist 4 bis 5 Pferdedroschken, die mit von Muttern gestifteten oder gemausten Brot gefüttert wurden; jeder hatte seinen Liebling, mit den Kutschern waren wir Gutfreund. Bei Regenwetter tobten wir in den Hallen vor den Sperren, auch nicht zur Freude der Bahner. Sonnabends war es Tradition, in der Bahnhofskantine einen Ring warme Wurst zu holen. im Bahnhof selbst wohnten über 100 Personen in den beiden Flügeln.  

In unserer Wohnung hatten wir ein Diensttelefon mit einer elektrischen Lampe, sonst war die Beleuchtung mit Gas, auch zum Kochen. Vater montierte eine Steckerschaltung, daran ein riesig langes Kabel mit einer Bürolampe. Leider rissen wir beim Spielen das Kabel oft herunter, da dies auf dem Boden lag, bis Vater die glorreiche Idee hatte, sie über die Türen zu hängen, da musste er uns nicht mehr bestrafen, da es ja meist eine Birne und einen Glaslampenschirm kostete. Mit Nachbars Kindern, Herrmann Lux genannt ,,Männe" und Tochter Martha spielten wir, auch mit Müllers Fritz, einem kleinen aber äußerst pfiffigen Burschen. Damals gab es bereits Müllschlucker auf dem Flur oder im Treppenhaus, sie führten bis zum Keller. Die Keller bekamen Licht von Schächten vor den Fenstern, die wir gern als Spielplatz benutzten, sie waren unsere Wohnungen, genau wie die Dachböden. Von der Mutter hieß es "ab in den Rosengarten“, um ins Grüne zu kommen, doch endete dies meist mit dem Besuch der Lese- und Leihbliothek im damaligen Trödlingring. Meine Schwester bekam etwas für Mädchen und ich las im "Guten Kameraden“. Zu Weihnachten er­hielt ich später ein Jahresabonnement im Kaufhaus Brühl, als mein Vater mir den ersten Band von Karl May mitbrachte. ("Durch die Wüste‘), holte ich meist gleich zwei Bücher und wurde zu einem Bücherwurm.  

Zuerst hatten wir eine Zwischenwohnung in Leipzig-Gohlis, dort war ich kurze Zeit in der Bürgerschule, um dann in die 1. Re­alschule in der Nähe des Zoo zu gehen. Meine Schwester besuchte die Höhere Töchterschule nebenan. Unser Schulweg ging durch die Gerbergasse an der Rietschke, einem kleinen Flüsschen, entlang, vorbei an der Oberrealschule, daneben lag quer als dritte die höher Töchterschule. Wenn wir ganz kühn waren, sahen wir über den Zaun in den Schulhof und fühlten uns ganz verworfen, gab es doch eine strenge Trennung der Geschlechter. Da mein Vater öfters den Klassenlehrer, einen Professor Dr. Fritsch, besuchte, sich auch so oft um meine schulischen Lei­stungen kümmerte, pendelte ich so zwischen 3. und 4. Platz. Stand in der Pause mein Vater vor der Klassentür, wusste ich schon, dass es da daheim eine mehr oder weniger strenge Ermahnung gab, so war es doch damals. Nur nach der Revolution 1918 und dem erfolgten Tode meines Vaters rutschte ich auf den 23. Platz ab.  

Eine für meine Gesundheit wichtige Lüge brachte mir eine Dreimonatsreise ein. Ich hatte, wie so oft, meine Schularbeiten, vergessen, und als ich da von unserem Professor nach dem "warum“ gefragt wurde, schwindelte ich, das Leben und Treiben unserer Bahnhofswohnung mache mir zu schaffen; ,,nervös“ kannte ich damals noch nicht, und als 1917 von den Siebenbürgen-Sachsen je 400 Jungen und 400 Mädchen dafür eingeladen wurden, dass die deutschen Soldaten die eingefallenen Rumänen vertrieben hatten, wurde ich mit noch einem Jungen unserer Schule vorgeschlagen. Damals war ich meist vom Herbst bis Frühjahr mit Husten geplagt, alle sahen mich als Schwindsuchtskandidaten an, lang, dürr und schlecht aussehend. Abends bekam ich einen Butterkeks zur Stärkung, während im Herbst das Naschen an dem einzukochenden Obst nicht gern gesehen wurde, da man ja sonst im Winter nichts habe (von Vitaminen wusste man damals noch nichts).  

Einen Monat vor den großen Ferien packte Mutter einen kleinen Reisekorb, ganz unten den Sonntagsanzug (der genauso eingepackt nach 3 Monaten wieder ausgepackt wurde, da ich ihn selbstverständlich nie anzog, - schon der Flecken wegen!) und so allerhand Wäsche (die kam zum Entsetzen meiner Mutter ziemlich schwarz zurück. Viel umgezogen hatte ich mich wahrscheinlich nicht!) Und eines Donnerstags früh standen wir 800 Kinder auf dem Bahnsteig, von ferne von den Eltern betrachtet. Mein Vater war ja Eisenbahner und durfte den Bahnsteig betreten,  Ein langer D-Zug fuhr mit uns ab. Ich war von den Jungen im letzten Waggon ziemlich der letzte Junge, dann kam die 400 Mädels. Die Fahrt ging über Wien nach Ungarn, dort lernten wir ,,Eljen» rufen, dann weiter, bis wir am Sonnabend früh hundemüde, aber lustig, in Hermannstadt ankamen und auf dem Markt aufgestellt wurden. Die Züge mit je 40 bis 50 Jungen wurden von einem Lehrer oder einer Lehrerin geleitet.

Wie wir nun so standen, kam eine Frau auf mich zu, fragte mich und einen zweiten Jungen ob wir schon Quartier hatten, und nahm uns mit; sie war Witwe, hatte selbst 3 oder 4 Kinder und, wohnte beengt und einfach. Abends gingen wir auf die Felder und holten Kartoffeln und Rüben, Wir schliefen zu vielen in den Betten, doch wir zwei dachten das wäre so, war ich doch damals 12 oder 13 Jahre alt (1917). Nach etlichen Tagen meinte sie, wir gehen mal fragen, ihr sollt doch weiter. Bei unserer Ankunft im Rathaus fiel den dortigen Beamten ein Stein vom Herzen, mit noch 13 anderen waren wir als vermisst angesehen. Wieso mein Vater das damals in Leipzig erfahren hatte, ist mir heute noch ein Rätsel.. Was nun mit uns 15 Jungen  machen? Lehrer war keiner mehr da, Wir sollten nach Schäßburg. Man setzte uns also auf die Bahn mit dem Ziel Großschenk, einem Bauerndorf bei Agneteln. Uns gefiel das prächtig, kein Lehrer, eine schöne Fahrt am Fluss Alt entlang. An einer Station wurden wir vom Zugpersonal rausgesetzt, dann über den Fluss mit einer Fähre, und auf der anderen Seite standen 14 oder 15 Pferdewagen, die Bauern hatten ja eine ganze Gruppe erwartet, nun kamen wir 15 Mann an. Da nahm jeder einen Jungen auf den Wagen und ab ging es.  

In Großschenk, einem richtigen siebenbürgischem Bauerndorf, oben die Wehrkirche mit je einem Turm an der Ecke (Speck- und Mehlturm usw.) mit Wehrmauer, darunter die deutschen Bauernhöfe, tiefer die Rumänen und unten die Kroaten, Slowenen, Zigeuner usw. Vor versammelter Dorfgemeinde wurden wir verlost. Wer keinen Jungen bekam, kochte in der Schule für uns. Alle anderen Mahlzeiten wurden bei den Wirtsleuten eingenommen. Ich kam zum Bauern "Am Anger 40“, ein großer Betrieb mit viel Vieh, dazu im Ausgedingehaus ein deutscher Major mit Burschen, da Großschenk den zweitgrößten Truppenübungsplatz von Österreich-Ungarn besaß. Die deutschen Unteroffiziere bildeten die Soldaten aus, es war das eiserne Korsett im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Wir sind später viel mit den Soldaten gegangen, waren beim Handgranatenwerfen, Flammenwerfern usw. mit dabei, wie eben alle Jungen.  

Der Majorsbursche musste sein Bett räumen für mich, er schlief auf einer Truhe. Flöhe gab es mehr als genug, doch mein Blut schmeckte ihnen nicht, während sie den Burschen bald auffraßen  Für mich Leseratte war es interessant, dass der Major als eifriger Jäger viele Jahrgänge einer Jägerzeitung besaß, ich las mit seiner Erlaubnis manchen Nachmittag in seinem Zimmer. Die Soldaten waren alle riesig nett mit uns Leipziger Jungens, es war doch ein Stück Heimat für sie,  

Früh gegen 4 Uhr kam der erste Hirte mit seinem Ruf, da zogen alle Rinder los, dann der Nächste mit den Büffeln, dann der Nächste mit den Schweinen, bis alle Tiere ausgetrieben waren; abends in umgedrehter Richtung. Die Tiere kamen selbst in ihre Höfe und Ställe. Uns interessierten besonders die schwarzen Büffel, die ungeheuer stark waren, sie zogen mehr wie die Stiere mit den breiten Hörnern oder gar wie Pferde. Der Bauer hatte wenig Zeit, sich um mich zu kümmern, er hatte riesige Besitze, eine eigene Ziegelei und viel Wald, ohne sagen zu können, wo die Grenze genau war. Sie warnten uns, tiefer in den Wald zu gehen, man könne tagelang laufen bis zum nächsten Dorf. Es war für uns Kinder fabelhaft, als Großstadtkinder kannten wir das doch nicht. Das Brot war rund, mit einem Durchmesser von 60 cm und mehr, so eine Schnitte übers ganze Brot musste man mit zwei Händen halten, dazu Speck und Zwiebeln. Gegessen wurde beim Bauern, wo man sich gerade aufhielt; wir 14 waren überall bekannt der 15. war krank, wir sahen ihn kaum, wie halt Kinder sind. Mittags alle beim gemeinsamen Mittagessen in der Schule, wir mussten zum Dank viele deutsche Lieder  singen, besonders "Die Wacht am Rhein“ oder ,,Deutschland hoch in Ehren“ wurde verlangt, dann ,,Es braust ein Ruf wie Donnerhall“.  

Beim Pfarrer saß ich auch oft und benutzte seine Bücherei, sein Pfarrgarten mit dem besten Obst haben wir zum Dank dafür gründlich geplündert, wie auch alle übrigen Gärten. Großschenk liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Konstantinopel, von 11 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags schlief alles bis auf uns 14 Jungen. Kleidung war früh meist die Badehose, und das langte meist bis zum späten Abend. Gewaschen haben wir uns sicher nicht viel, wir gingen baden es war eine herrliche  Zeit. Wir waren ganz uns selbst überlassen, konnten schlafen  wenn wir müde waren, und das war meist tief in der Nacht, da spielte es sieh am besten mit den Dorfmädchen und Jungen. Waschen, Wäschewechseln und solche Sachen, Zähneputzen, alles  war vergessen und alle guten Ermahnungen der Eltern. Mutter  bekam die Leibwäsche wohl nie mehr richtig sauber, Mir hat das Tummeln in der Sonne. ohne Bekleidung, das ungezwungene  Leben so gut getan, dass ich meinen ständigen Husten im Winter verlor. Die Leute waren sehr lieb mit uns, sogar die Zigeuner freundeten sich mit uns an. Ein paar hübsche Zigeunermädchen nahmen uns mit in ihre Behausungen, gaben uns Nüsse und zeigten uns viel von ihrem Leben.  

Nach 3 Monaten kam der Abschied. Auf dem Dorfplatz versammelt, riefen mich ein paar Mädchen und inmitten einer Schar junger Mädchen gab mir meine Hauptspielgefährtin einen Strauß zum Abschied, was mich ungeheuer dem Spott meiner anderen Jungen aussetzte. Ich schrieb noch ab und zu an sie (Ida Ziegler). Nun ging’s mit den Pferdewagen nach Agneteln, zur nächsten Bahnstation zum Bummelzug bis Herrmannstadt, wo wir uns sammelten. Leider hatten wir aber keinen Sonderzug, sondern wurden bunt durcheinander in normalen Zügen heimgeschafft. Wie lange wir gefahren sind weiß ich nicht mehr, es muss aber sehr lange gewesen sein. Zum Glück hatten wir genug zu essen mit. Hinzu waren wir verpflegt worden, heimzu gab es nichts. Jedenfalls, in Leipzig angekommen und angetreten, erkannte mich mein Vater, der natürlich als Eisenbahner da war, nicht; er ging ein paar Mal an mir vorüber, bis ich ihn anrief, Daheim machte Mutter eine große Badewanne zurecht, schickte mich zuerst ins Stadtbad zum Einweichen. daheim scheuerte sie unbarmherzig, ich hatte ja nie Gelegenheit braun zu werden, nun kam ich braungebrannt und natürlich durch die lange Fahrt auch mehr als dreckig zu Hause an.  

Der Nachteil war der lange Aufsatz, den ich in der Schule abliefern musste, zur Freude der Klassenkameraden, die mir die 3 Monate Ferien nicht gönnten. Ich habe dann viel erzählen müssen von den Deutschen dort unten, mit ihren Kirchburgen und Türkenkriegen. Ein Nachteil stellte sich heraus: dort unten hatte ich wenig Zeit zum Essen gehabt. Das wollte ich nachholen, und 1917/18 stand es sehr schlecht mit Essen, ich wurde nicht mehr satt trotz der Pakete von Großmutter aus Löbau und Tante Lene aus Hoyerswerda. Es war der Kohlrübenwinter, pro Kopf ein Drittel Hering usw. Die mitgebrachte Magerkeit ver1or sich nach und nach, und trotz des mangelnden Essens nahm ich zu und wuchs noch mehr. Daher in Erinnerung unsere spätere Ferienfahrt nach Brasow (früher Kronstadt), ca. 4 Omnibusstunden bis Großschenk.  

Ein Ferienparadies war auch die Konditorei Schuster in Hoyerswerda, meist für mich als den Bedürftigeren, meine Schwester musste zur Löbauer Großmutter in den Putzsalon, was weniger schön war. Ich war nur einmal dort, da ich mich mit beiden Dresdner Kusinen nicht verstand, die auch zu Besuch waren. Großmutter Michel nahm lieber die Gerda, meine Schwester, zu deren Kummer.

Mit einem Pappkarton versehen, der meine Wäsche enthielt, setzte mich mein Vater in den Personenzug nach Eilenburg, mit einer Zigarre für den Schaffner, dass er mich betreue. Meist stieg ich unterwegs um, da ich der Betreuung entgehen wollte. Umsteigen Richtung Falkenberg dort von oben zum Zug unten nach Hoyerswerda, der in der Heidelbeerzeit mit viel Verspätung ankam. Natürlich alles 4. Klasse mit nur je einer Sitzbank an den Giebelseiten; meistens verbrachte man einen Großteil der Zeit stehend am Fenster. In Hoyerswerda angekommen, nahm ich meinen Pappkarton den ich meist aus Neugierde unterwegs aufgeschnürt und nicht mehr richtig zugebunden hatte, und wanderte vom Bahnhof - vorbei an Fleischerei Gustav Schuster, Bruder von Onkel, dann am Markt vorbei an Otto Schuster, auch. ein Bruder als Fleischer - bis durch die Schlossstraße zum Haus von Onkel und Tante. Angekommen, sofort Schuhe und Strümpfe ausgezogen, das gehörte zu den Ferien, egal wie das Wetter war. Durch einen vertieften Eingang kam man in die vordere Gaststube mit Büfett mit Bierausschank in Majolika mit Markart-Strauß, dahinter das Durchreichefenster zur Küche. Gerade aus dem Hausflur zum Hof, rechts eine kleine Tür zum Keller mit den Bierfässern, links die Küchentür. Außer der vor vorderen Gaststube gab es noch links davon einen weiteren Gastraum mit Marmortischen, dann noch einen weiteren, der aber durch einen Vorhang abgetrennt war und als Speiseraum für die gesamte Familie benutzt wurde. Am Tisch war die Familie, am Nebentisch der Lehrjunge und das Dienstmädchen - meist eine Wendin, halb und halb in Tracht. Geradeaus über ein paar Stufen in zwei Zimmer, im vorderen schlief ich in den Ferien, das hintere war eine Art gute Stube und wurde kaum benutzt. Die Küche war klein, nach Sonnabenden und Sonntagen stapelten sich die dickwandigen Kaffeetassen und Kuchenteller, rechts vom Haupteingang ging es in den Laden, dahinter war das sogenannte Damenstübchen oder -zimmer, wo nur Frauen hinein durften,  

Am ersten Tag aß man gewöhnlich alles durcheinander, am zweiten Tag das Bessere (außer Baumkuchen, der war zu kostbare da ihn der Lehrjunge stundenlang drehen musste), und am dritten Tag wollte man Brot, vom Onkel selbst gebacken.

 

 29.12.1981

 

Im Hof waren die Toiletten, dann Schuppen und der Zugang zur Backstube, einem besonders interessanten Raum für uns. Frühmorgens konnte man nicht hinein, da waltete Onkel Schuster, doch Nachmittags musste der Lehrjunge alles säubern oder Bonbons herstellen, in Staubzucker oder bunte Zuckerstreifen durch eine Art Walze drehen, daraus wurden Figuren, die dann zerbrochen wurden. Dazu Bleche reinigen, Ofen säubern, wir waren meist gut Freund mit dem Jungen, der uns wiederum beim Anfertigen von Holzschwertern, Schiffen oder anderem Spielzeug half. Dann war ein Garten mit Lauben und etlichen Obstbäumen,  für mich besonders reizvoll zum Spielen. Als Spielkameraden hatte ich meist Hannchen, eine etwas jüngere Tochter eines Mieters im oberen Stockwerk. Zum Oberstock kam man über eine außen angebrachte frei überdachte Holztreppe, schön mit Wein bewachsen. Auf diese Treppe ging das Schlafzimmerfenster von Onkel und Tante, die über dem Laden in einer kleinen Kammer schliefen, Das Fenster war vergittert, weil einmal ein Einbrecher da hineinkam, die Tante mit einem Schlag über den Kopf betäubt hatte und mit der Ladenkasse verschwunden war,  

Hoyerswerda war damals eine kleine gemütliche Stadt, von drei Armen der Schwarzen Elster durchzogen, etwas außerhalb lag die Badeanstalt, die für Jungen leider erst ab 17 Uhr geöffnet wurde, vorher nur für Mädchen, denn man achtete aus Gründen der Schicklichkeit und Moral noch streng auf  Trennung der Geschlechter. Erst nach 1918 wurde das gemeinsame Baden teils erzwungen - notgedrungen erlaubt, Von Schusters Garten ging es durch ein Gässchen zur Mühle, dann entlang der Elster an der Brauerei vorbei zum Bad.  

Leider waren die beiden Monate Ferien zu bald vorbei, meist schaffte mich Tante Lene mit dem Zug zurück. Besonders aufregend und spannend war die Rückfahrt am 1. August 1914 bei Kriegsausbruch.. Der Zug war nur für Soldaten bestimmt mit großer Mühe gelang es der Tante, mit mir im Packwagen zu fahren;  interessant für mich auf dem erhöhten Schaffnerplatz, da man den ganzen Zug übersehen konnte. Die ersten Monate herrschte große Begeisterung, man hoffte ja, zu Weihnachten sei alles vorbei. Es dauerte aber 4 Jahre bis November 1918.  

Mein Kusin Kurt Schuster (es hieß immer „Michelkurt“ und „Schusterkurt“) arbeitete damals in Leipzig als Kaufmannsgehilfe, er wolltet gern Konditor werden wie sein Vater, doch seine Stiefmutter hatte wahrscheinlich Angst, zu bald aufs Altenteil gesetzt zu werden und hatte es durchgesetzt, dass er in Bautzen Kaufmann lernte, obwohl er auch später noch gern  Konditorte, Torten, Kuchen usw.  

Er wohnte bei uns im Hauptbahnhof. Nach seinen Einberufung musste ich ihm in eine Schule Sachen bringen. Zwischen den Schulbänken standen die Soldaten und putzten ihre Gewehre. Er war verändert anzusehen mit kurz geschorenem Haar in der Uniform. Kam dann bald ins Feld, war bald Soldat, dann Maschinengewehrschütze, später dann zur leichten Artillerie. Der Krieg brachte ihm Tbc, die zwar ausgeheilt wurde, ihn aber Jahre später zeitig sterben ließ, als er in Bautzen verheiratet war erst als Kaufmann, dann Versicherungsagent.  

Mein Vater war als Eisenbahner nicht eingezogen, musste aber Tag und Nacht bereitstehen, was ihm dann 1917 erneut einen Tbc-Anfall brachte. Wir verzogen wiederum nach Gohlis und 1918 starb dann mein Vater. Meine Mutter mit Schwester zogen nach Löbau, und Mutter übernahm das Putzgeschäft der Großmutter, die Schwester ging in Löbau in die Preuskerschule, während ich bis 30. April noch auf der Realschule blieb, bis ich sie mit der Terzia verlassen musste. Ein Ko1lege meines Vaters hatte Mutter geholfen alles zu erledigen, er wollte gern Landwirt werden, musste aber der Eltern wegen Eisenbahner werden. Sein Schwärmen und sein Rat brachte Mutter dazu, mich die Landwirtschaftslaufbahn einschlagen zu lassen. Im Sommer beim Bauern, winters nach Bautzen auf die Landwirtschaftliche Schule - Endberuf Inspektor auf einem großen Gut. Tante Lene kannte einen kleinen wendischen Bauern in Hoyerswerda, der ihnen immer Schlagsahne brachte; er wusste zwar nichts von mir, aber eines Tages erschienen Mutter und Tante und lieferten mich zu seiner Überraschung ab. Brauchen konnte er mich nicht, ich musste ab und zu etwas tun, Wiese abrechen, Mistbeetpacken und auf kleine Enten aufpassen. In seiner Schlafstube standen vier Betten, drei für Schlafburschen, eins für ihn, da wurde ich mit dazugepackt, was mir nicht angenehm war, er war ein fieser alter Kerl.

Nach einem Monat rückte ich aus und erschien bei Onkel und Tante. Meine herbeigerufene Mutter war ratlos, bis sie sich auf eine frühere Freundin besann, die Frau des Klempnermeisters  Bruno Vogt. Auf Anfrage erklärte dieser sich bereit, mich als Lehrling aufzunehmen - zu meiner großen Freude, obwohl ich keine Ahnung von diesem Beruf hatte. Mir gefiel es aber sehr gut. Vogt hatte damals vier Gehilfen, da im Lautewerk in Schwarzkollm das große Aluminiumwerk erstellt wurde, an dessen Gebäuden es viele Abdichtarbeiten gab, da es nicht immer sachgemäß erbaut war. Die Arbeitszeit betrug ohne Frühstückspause 10 Stunden mit einer Stunde Mittagszeit. Das Frühstück wurde nebenher eingenommen, Feierabend war 18 Uhr, dann eine Stunde und mehr Werkstatt aufräumen, Material richten,  Fahrräder der Gesellen flicken, um 1/2 8 Uhr Abendessen, da in Kost und Logis beim Meister. Mutter musste 300 M Lehrgeld zahlen. Die Lehrzeit betrug 3 1/2 Jahre, sie wurde aber auf 3 Jahre herabgesetzt, dafür aber noch 1/2 Jahr als Gehilfe gearbeitet.  

Als Taschengeld bekam ich am 1. Jahr -.50 M/Monat, im zweiten 1,— M und im dritten Jahr 1,50 M. Man konnte keinen großen Sprünge machen. Als Trinkgeld gab es meist eine Zigarre bei den Kunden, die ich an die Gehilfen verkaufte, das besserte die Finanzen etwas auf. Geschlafen wurde beim Meister im 3. Stock, erst in einem Zimmer allein, später mit den Gehilfen zusammen. Damals war der Beruf eines Klempners und Installateurs sehr vielseitig. Alle Bauklempnerarbeiten, wie Dachrinnen, Schornsteineinfassungen, Zinkblechdächer, Kupferblecharbeiten am Kirchturm in Löbau in luftiger Höhe, manchmal Pappdächer verlegen und Teeren, dann alle Sanitärinstallationen, wie Abfluss, Wasser- und Gasleitungen, Wannen, Waschbecken, Klosettanlagen. Im Winter wurden für die wendischen  Bauern aus Weißblech Gießkannen, Milchkannen, Schöpfer, Trichter usw. hergestellt, da die Bauern Handarbeiten und keine Fabrikware wollten. Nebenher jeden Sonnabend Reparaturen, Töpfe flicken, Eimer neue Böden, alles was so an Haushaltwaren defekt wurde. Später wurde sogar elektrisch verlegt, noch später baute mein Meister Radioanlagen und Antennen - kurz, ein Klempner war sehr vielseitig. Die Winterarbeit war sehr lustig, mit zwei oder drei Gesellen saßen wir zusammen, früh vor dem Frühstück gegen 6 bis 7.30 Uhr brannte ich den Lötofen an, der die Werkstatt heizte, dann essen und dann bis 12 Uhr Arbeit. Es wurde viel gesungen, alle Volkslieder, Handwerkerlieder, Wanderlieder, alles was heute kaum noch jemand kennt. Ab 13 Uhr bis 18 Uhr dann weiter. Das Aufräumen war nach Werkstattarbeit meist lang, mussten doch die neuen Weißblecharbeiten abgetrieben, dann alles gesäubert und in den Laden geschafft werden.  

Kam die Weihnachtszeit heran, wurde die Mithilfe beim Verkaufen  erforderlich, besonders bei den Spielsachen, eine mir sehr liebe Arbeit. Im ersten Jahr hat mich Meister Vogt sehr viel zum Auspacken seiner Haushaltwaren angestellt - Kisten auf- und zumachen, einräumen im Laden usw. Die Gesellen verspotteten mich deshalb. Ich sagte es meinem Onkel und der sprach mit dem Meister Vogt, seinem Freund bei den bunten Schützen, ich solle Klempner und nicht Ladenjüngling lernen, woraufhin der Meister fluchend und schimpfend seine Kisten selbst auf- und zumachen musste - zu unserem Vergnügen, wenn er sich auf die Finger klopfte.  

Zum Jahrmarkt hieß es frühzeitig aufstehen, in die Scheune gehen, den Handwagen mit der erforderlichen Ausrüstung an Böden und Brettern holen, um rechtzeitig einen guten Platz auf dem Markt zu bekommen. Mit des Meisters Schwester Agnes verkaufte ich dann Töpfe, Schüsseln, Eisentöpfe und all die Haushaltwaren; wir zwei im Wettstreit, wer die meiste Kasse machte. Abends dann alles einräumen und abbauen. Es war meist ein sehr langer Arbeitstag, machte aber viel Spaß, zumal wir uns dann heimlich von dem eingenommenen Geld. eine Wurst oder so etwas kauften.

Die Berufsschule war nach Feierabend von 20 - 22 Uhr, nach 10 Stunden Arbeit in der Werkstatt oder auf dem Bau, zweimal in der Woche. Auch Sonnabends ging es bis 18 Uhr, bis nach dem Abendessen gegen 20 Uhr, erst dann war man fertig. Viel Zeit zum Dummheiten machen hatte man nicht, doch fand sich auch das. Radfahren lernte man schnell, wenn man nicht laufen  wollte. Die Räder hatten aber keine Gummireifen, sondern  Spiralfedern, die im Sand eine schöne Rückendusche Sand verpassten.  

Im Lautawerk war die 8-Stunden-Arbeitszeit, doch früh und abends meist 2-. bis 2 1/2 Std. Bahnfahrten, dann Zeug rüsten für den nächsten Tag. Im Werk hatten wir eine alte ehemalige Verkaufsbude aus Blech, worin das Werkzeug aufbewahrt wurde. Bei Regen oder in den Pausen wurde darin gekocht und gebraten, denn nach 1918 war das Essen knapp und der Hunger groß. Wir bekamen ein Paket Schnitten, die aber meist nur zum Frühstück langten, dann wurde in der Kantine der Abfallkübel untersucht nach Kartoffeln oder Dörrgemüse, wir waren ja Selbstversorger. Unterwegs wurden im Herbst irgendwo Kartoffeln ausgegraben und gekocht oder das damals eingeführte amerikanische Maismehl und Cornedbeef verarbeitet. Erst 1921 verbesserte sich die Lebensmittelversorgung. Nach Beendigung der Arbeiten im Lautawerk wurden die Gesellen mehr und mehr entlassen, bis ich zum Schluss als Alleingeselle übriglieb.  

Nach drei Jahren fertigte ich als Gesellenstück eine Kaffeekanne mit Kaffe-Einsatz aus Weißblech an und Meister Vogt lud einen Schmiedemeister und einen Schlossermeister als Prü­fungsmeister eine. Er selbst war Vorstand in der Innung, wo alle drei Gewerke eingeschlossen waren, Frau Vogt, die Meisterin, eine ganz fabelhaft tüchtige Frau, die wir alle verehrten, machte ein tolles Frühstück im geheizten Zimmer im Erdgeschoss zurecht, wo wir sonst alle gegessen haben. Im Obergeschoss war ein kleines ungeheiztes Zimmer, wo wir 4 uns aufhielten, um meine Gesellenprüfung vorzunehmen. Sie dauerte nicht lange, da es den Prüfungsmeistern zu kühl wurde und unten ein gutes Frühstück im Warmen lockte, Die Meisterin verstand es wunderbar, zwischen dem manchmal etwas nervösen und hitzigen Meister Vogt und den Gesellen und Kunden zu vermitteln. Wir waren damals mit der Meisterfamilie - Mann, Frau und 4 Kindern, dann die Agnes, eine Großmutter, 4 Gesellen und Lehrling immerhin 15 bis 14 Personen, dann noch ein Dienstmädchen, und das in einer Zeit, wo es kaum was zu essen gab nach dem verlorenen Krieg. Sonntags waren wir auch alle zum Essen. Meist musste ich für den Meister vorher noch einen Kostenanschlag abschreiben, Schreibmaschinen gab es damals noch nicht, er brauchte aber eine Kopie seines Angebotes.  

Es war eine schöne abwechslungsreiche Zeit, wir waren viel unterwegs, immer etwas Neues. Im letzten Lehrjahr besuchte ich mit zwei Freunden, einem Schlosser und einem Schmied die kaufmännische Tanzstunde, nicht gerade gern gesehen von den vornehmeren Kaufmannsjünglingen. Ein Glück, man musste weiße Handschuhe tragen, denn von 19.45 bis 20 Uhr bekam man die von Salzsäure und Öl verschmutzten Hände nicht sauber. Nach dem üblichen Vorarbeiten hieß es dann, bitte eine Dame wählen Selbstverständlich hatte ich mir eine Hübsche herausgesucht, der ich aber gar nicht so recht passte. Ich war Klempnerstift und sie die Tochter eines Eisenbahn-Werkmeisters (was ja mein Vater auch gewesen war), aber was wollte sie machen? Meister und Meisterin besuchten auch die Tanzstunden, um die damals modernen Tänze zu erlernen, mit noch zwei Paaren wurde ich zurückgehalten und musste den Älteren vortanzen, also auch meinem Meisterpaar. Damals war Tanzen nach dem Krieg verboten,  unser Tanzstundenball fand daher außerhalb von Hoyerswerda in aller Stille statt.  

Nach Arbeiten an den Dachrinnen der Küsterbehausung lernte ich eine nette Kleine kennen, mit der ich abends - sie musste mir angeblich helfen -, die Birnen und Äpfel des Küsters ab nahm, da wir ja über hohe Leitern verfügten. Als Folge wartete ich jeden Abend, bis ein gewisses rotes Röckchen mit Inhalt erschien, und begleitete sie erst bis an das Gartentor, was zum Glück etwas zurückgesetzt und Schutz vor fremden Augen bot. Nach dem ersten Kuss auf die Wange wurden wir zwei rot beim Wiedersehen, doch das verlor sich mit der Zeit. Dann kam die Mutter und sagte "der Herr Michel solle doch mit reinkommen“. Es war eine wunderschöne Liebeszeit, obwohl sie unseren heutigen jungen Leuten albern vorkommen würde. Es ging vom Herbst bis zum nächsten Jahr bis zum Ablauf meiner 1/2-jährigen Gesellenzeit lt. Lehrvertrag; dann kam der bittere Abschied, ich hatte mir Arbeit in Dresden gesucht.  

Auf Anraten Bekannter hatte ich beim Klempner-0bermeister Kallies in Dresden angefangen. Hauptarbeit Blechbuchstaben für außen über Läden anfertigen. Bei meinem Meister hatte ich alle Arbeiten verrichtet und gekonnt, doch bei dieser neuen Beschäftigung kam ich nicht gleich mit. Der Meister setzte mich mit dem Lohn soweit herab, dass ich damit in Dresden nicht existieren konnte. Auf meinen Protest hin ,brachte‘ er das Zeugnis seiner Schreibkraft und seines Buchhalters an, ich hatte mich in deren Beisein zur Lohnherabsetzung einverstanden erklärt, was nicht der Wahrheit entsprach. Ich musste daraufhin gehen.  

Vom Arbeitsamt wurde mir eine Stelle als Klempner- und Installateurgehilfe am damaligen Altertplatz vermittelt. Eine Kellerwerkstatt, viel Flickarbeit, nebenbei Karosseriebau als Helfer bei einem älteren Gesellen.

 

30. 12. 1.981  

Nun war der Lohn so gering, dass ich davon nicht leben konnte, Bei meinem Großonkel, Bruder meiner Großmutter, der eine Gaststätte ,,Lichtenhainer Krug" betrieb, aß ich, doch es war sehr almosenhaft, nur die mitleidige junge Kochfrau schob mir ab und zu ein Stück Fleisch in meinen Teller Graupen oder Nudeln. Es langte zu einem Brot, einem Würfel Margarine und Freitags am Lohntag zu einem Viertel Leberwurst, Mein Zimmer, sehr schön und groß, war ungeheizt, trotzdem las ich begeistert, eingehüllt in Mantel, mit Hut und Bettdecke um die Beine, Doch endlich entschloss ich mich, heimzukehren, um dort nach Arbeit zu fragen. Und es klappte auch; bei Klempner Kießling in Löbau wurden damals Motorradtanks gebaut in einer kleinen Werkstatt in der Nähe des Friedhofs. Dort hatte ich mit 6 oder 7 Gesellen die Tanks vorzurichten und zu schweißen. Leider entwertete sich die Mark immer mehr. Arnold Kießling kam erst zweimal in der Woche mit einem kleinen Korb voller Geld, später fast alle Tage, und jeder eilte, das Geld irgendwie unterzubringen. Mein Stiefvater Milke wurde ebenfalls entlassen, ich auch aus Arbeitsmangel, und so erlebten wir das Ende der Inflation, als 4,2 Billion Mark gleich einem Dollar galten. Mutter hatte kein Geld mehr im Haus und nur noch einen Hut. Und doch ging es dann langsam weiter. Es war im Jahr 1923.  

Durch Vermittlung meines Kusine Kurt Schuster nahm ich eine Stelle als Lagerarbeiter bei Felix Vogt in Seifhennersdort an, der mich jedoch erst mit der wertlosen Mark und nach der Inflation mit Tschechenkronen bezahlte - keine Überstunden, ich musste kündigen. Auf dem Arbeitsamt in Seifhennersdorf traf ich ehemalige Beschäftigte von ihm, die er auch so betrogen hatte. Später hörte ich, sie hätten ihm abends aufgelauert, verdroschen und in die zugefrorene Mandau geworfen - ich hätte gern mitgemacht!  

Wieder daheim als Arbeitsloser, die Tage dehnten sich, man wusste nicht was tun. Endlich bekam ich vom Arbeitsamt eine Stelle als Klempnergehilfe in Blankenhain bei Weimar angeboten. Es war eine kleine Werkstatt mit noch einem Gehilfen. Hergestellt wurden Bienenzuchtgeräte, die Deckel wurden auf einer handgetriebenen Drehbank gefertigt. Ich konnte manchmal den ganzen Tag die schwere Drehbank bedienen während der Gehilfe die Boden der Honigschleuder drehte; nebenher noch Reparaturen und alle kleinen Arbeiten, wie Dachrinnenreparaturen usw. Ich wohnte einfach bei einem kleinen Arbeiter - auch arbeitslos - aber eifriger Kommunist, der mich zu seinen Veranstaltungen mitschleppte. Es gab damals in dem Städtchen Blankenhein nur Nazis und Kommunisten; letztere waren die Arbeiter in den Betrieben, die Nazis die Söhne der Bauern und Fabrikanten. Man hatte aufzupassen, um bei Tanzveranstaltungen u. ä. nicht zwischen beide zu geraten. Als es Frühling wurde, kaufte ich mir einen festen Rucksack und Schuhe und begann eine handwerksburschenähnliche Wanderung nach Löbau. Mit einem früheren Bekannten, der im Krieg in Jugoslawien gewesen war, wollten wir nach dort auswandern und uns dort irgendwie durchschlagen. Ich lief über Bad Sülze, wo ich einen Freund aus meiner Hoyerswerdaer Tanzstundenzeit beim Studium fand; es war eine Zweigstelle vom Technikum Mittweida, an der mein Vater studiert hatte. Fedor Winter arbeitete im Sommer und belegte im Winter ein Semesters bis nach einigen Jahren die Ingenieur-Prüfung abgelegt wurde. Das erinnerte mich an meinen bei Meister Vogt gefassten Entschluss, ebenfalls an die Fachschule nach Aue zu gehen, Mein ehemaliger Meister hatte diese Schule besucht und oft davon geschwärmt. Daheim angekommen, hatte ich meiner Mutter den Wunsch vorgetragen, und sie sagte mir, ich solle einen Antrag bei der Höheren Deutschen Fachschule für Metallbearbeitung und Installation in Aue einreichen. Freund Fedor beendete sein Studium und war später beim geheimen U-Boot-Bau im Krieg technischer Leiter eines U-Bootbunkers an der französischen Küste und fiel bei einem Tieff1iegerangriff beim Rückzug Er hatte mich in den knappen Jahren in Dresden manchmal unterstützt, da er als Dreher bei den Dresdner Kamerawerken gut verdiente,  

Meine Wanderung setzte ich fort über Weißenfels bis Leipzig, wo ich bei früheren Bekannten in Leipzig-Gohlis übernachtete. Von dort zu Fuß bis Riesa, in der Herberge zur Heimat über nachtet; dort traf ich zwei junge Burschen, die auf dem Weg nach Russland waren. In Dresden traf ich mich bei meinem Freund Georg Wechler, mit dem ich nach Jugoslawien wandern wollte, Er war als Klavierspieler in einem Kino beschäftigt, wohnte herrlich in einem Gartenhäuschen an der Elbe, hörte aber auf, und zu Zweit wanderten wir Richtung Löbau. Ein Auto nahm uns unterwegs mit bis Bautzen, über die Bautzener Berge ging es heimwärts, um in Löbau mein letztes Erspartes abzuholen. Mutter war erstaunt, aber ich erzählte ihr irgendetwas von neuer Stellung und so.  

In Ebersbach trafen wir uns, zu Fuß ging es weiter bis zu einer kleinen Gaststätte an der Hohwaldstraße um dort zu übernachten. Am nächsten Tag weiter bis Königstein, eine herrliche Wanderung im Frühling, bis Abends in dem Felsmassiv der Diebeshöhle unser nächstes Quartier in der Nähe von Königstein erreicht war. Das Lager im Sand sah erst weich aus, war aber doch elend hart. In der Nacht kam ein schweres Gewitter auf, man sah beim Blitz das ganze Elbtal liegen, etwas unheimlich war es doch in der Höhle. Der nächste Tag brachte wieder schönes Wetter, in der Morgenfrische wanderten wir weiter bis abends. In der Herberge "Zur Heimat" in Hohenstein-Ernstthal übernachteten wir, und am nächsten Tag ging’s weiter bis Aue, Nach Beratung empfahl mir mein Freund zur Schule zu gehen und zu fragen, ob ich angenommen wäre, Dies tat ich, und man sagte mir, ich könne kommen, Da meine Schulkenntnisse in den Jahren geschrumpft waren, riet man mir, ein Vorsemester in den großen Ferien zu belegen, denn Mathematik usw. war in der Realschule gerade in den letzten beiden Jahren, die ich versäumt hatte, gelehrt worden. Nach Anmeldung zu dem Vorsemester und erneuter Beratung der Vorschlag, ich solle auf alle Fälle die Schule besuchen. Freund Wechler wollte sich solange Arbeit suchen (er kam bis Regensburg und trat ins Büro der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft ein, blieb dort und verheiratete sieh mit seiner Stiefschwester (seine Mutter hatte einen blinden Klavierstimmer bei Förster in Löbau geheiratet. Er lernte die Schwester in Dresden kennen, wusste aber nicht dass sie seine Stiefschwester war).  

Mit der Bahn fuhr ich heim, bis zum Beginn am 1. Juni zu arbeiten. Beim Klempner Kießling im Laden fragte ich nach und kam mit einem Klempnermeister aus Seitendorf bei Zittau ins Gespräch. Er brauchte für zwei Monate einen Gehilfen, ein Rittergutswohnhaus war abgebrannt und wurde aufgebaut; so wurden wir rasch einig. In einem kleinen Gasthaus schlief und aß ich, es war einfach, ein Zimmer auf dem Dachboden, neben dem Zimmer der hübschen Bedienung. Im Rittergut gab es schöne Installationsarbeit. Das Beste war das Decken eines achteckigen Turmes mit Kupferblech. Nachdem die beiden Monate vorbei waren, zog ich mit meinen Sachen nach Löbau und packte meine Koffer, Reißbrett und Zeichenzeug, und ab ging’s nach Aue. Am Bahnhof empfing mich ein Student, der mir ein Zimmer nachweisen konnte, mich begleitete und einlud, am Abend in das Gasthaus ,,Bürgerbräu“ zu kommen, sie hätten eine Kneipe. Er war aber auf Fuchskeile aus - wie man sagte - sie suchten neue Mitglieder für die Studentenverbindung ,,Teutoia". Abends war ich dann nach etlichen Glas Bier bald als Fuchs geworben, es gefiel mir gut, zumal ich so gleich Freunde bekam. Wir waren eine Klasse von Neulingen, die wie ich die Schulkenntnisse auffrischen wollten. Quer durch alles Schulwissen wurde aufgefrischt. Die anderen Schüler hatten Ferien, während wir auf das neue Semester vorbereitet wurden, Unser Klassenlehrer, ein gemütlicher älterer Herr - er verlor im Krieg seinen rechten Arm - nahm mich eines Tages auf die Seite  und sagte zu mir: "Hören Sie, Klempner ist doch nicht das Richtige für Sie. Wollen Sie nicht zur Heizungsabteilung überwechseln?“ In Dresden hatte ich bereits neidisch als Klempnergehilfe zugesehen, wie eine Heizung verlegt wurde. Beim Heizungshelfer hatte ich gefragt wie man Monteur wird. Na, da musst Du etliche Jahre als Helfer mitgehen, und dann lernst Du das!“ Also nichts wie umgesattelt in die Abteilung B, Heizung und Lüftung!!  

Leider war das Heizungssemester nur 1 Jahr, die Klempner hatten  2 Jahre. Doch es gefiel mir ausgezeichnet. Im ersten Halbjahr waren mehr allgemeine Kenntnisse gefragt, während im zweiten Semester eine Woche Projektieren die nächste Woche Allgemeines, wie Sanitär, Elektro usw. gelehrt wurde, Nun ging der Kampf los um Grundrisse, in die wir die Heizungen projektieren mussten. Erst mehr Dampfheizungen, dann die damals aufkommenden Classic-Etagenheizungen und größere Schwerkraftheizung, an Pumpenheizungen dachten wir damals noch nicht. Man wagte sich an immer größer Objekte, je nach beschafften Grundrissen, Meine Kommilitonen waren vielfach Meistersöhne und hatten es gar nicht so wichtig mit dem Lernen  während ich ja nur wenig Geld hatte (125,— M im Monat für Logis, Essen, Schulmaterial usw.). Bald war ich Erster in Heizung, durch einen abgehenden Kommilitonen bekam ich einen riesengroßen Grundriss eines Verwaltungsgebäudes. Zum Glück mit bereits vorhandener Wärmeberechnung! Um nun recht hoch mit den projektierten kcal zu kommen (damals noch Wärmeeinheiten genannt) baute ich im Keller noch große Boiler ein für ein Schwimmbad, Duschen usw., ganz nach meinen Vorstellungen. Diese großen Blätter, vielleicht 800 x 1000 mm groß, 6 bis 7 Grundrisse M 1:100 und. viele (6) Strangzeichnungen wurden mir nicht zurückgegeben, sondern für die Schule  selbst als Ausstellungsstücke behalten.  

Wir wohnten zu viert in einem Zimmer, eine rechte Studentenbude, verstanden uns gut, zumal wir alle vier Teutonen waren. Manchmal in der letzten Zeit haben wir die Nacht durchgearbeitet bis zum Morgen, aber auch manche Kneipe bis früh durchgemacht. Die Teutonen waren die älteste Verbindung und gut angesehen bei den Auer Bürgern. Jeder Teutone bekam eine Couleurdame, die er erstmals besuchen musste, dazu borgte einer dem anderen einen Cut - wehe, wenn der Erste zum Essen eingeladen wurde, dann wartete der Nächste umsonst. Da ich ja bisher als Gehilfe nun nicht gerade in der guten Gesellschaft gewesen war, tat mir das Verkehren in guten Bürgerverhältnissen sehr gut, Ein wenig besseres und sicheres Benehmen lernte man bei den Vergnügen und Damenkneipen doch, es waren unter den Couleurdamen die Tochter des Oberbürgermeisters, die Tochter vom Direktor der Wellnerfabrik und viele andere aus alten, guten Familien, die uns ihre Töchter anvertrauten, obwohl ja meist die Eltern mit eingeladen wurden. Gar mancher meiner Mitstudenten hat später eine Auertochter geheiratet, Freilich sparen musste ich sehr, denn mit meinem Geld musste ich sehr aushalten, Schulden wie einst mein Vater, habe ich zwar nicht gemacht, aber das Bier und das Essen im Gasthaus "Bürgerbräu" war nicht billig, zumal man sich manchmal nach etlichem Biergenus leichtsinnig verleiten ließ, ein Abendbrot zu bestellen. Dafür gab es dann morgens zum Malzkaffee nur Brot und Margarine. Meine Mit-Budengenossen waren besser gestellt, sie bekamen zu ihren 300 bis 400 M Monatswechsel noch dicke Fresspakete von daheim, woran wir alle brüderlich teilnahmen, zum Schluss kauten sie dann meine Margarinebrote mit.  

Kurz, vor der Schlussprüfung bekam ich eine große Bergbaude - ich glaube, die Fichtelbergbaude - zum Projektieren. Einen Tag vor der Prüfung, zu der Regierungsräte aus Dresden usw. kamen, gab ich das Projekt ab, der Hausmeister schaffte es ins Zimmer der Prüfungskommission, die tagte. Ich wurde hineingerufen und musste mein Projekt erklären, was beifällig aufgenommen  wurde.  

Am nächsten Tag setzten wir uns beklommen ins Prüfungszimmer, so gegen 15 Mann. Nach etlichen Reden wurden Namen aufgerufen, und die Betreffenden standen auf. Ich hatte nicht beachtet,  dass auch mein Name gefallen war, zum allgemeinen Gelächter wurde ich dann nochmals laut angerufen und verließ fluchtartig das Zimmer; alle aufgerufenen wurden ohne mündliche Prüfung  fertig. Dazu hatten mir meine Heizungskenntnisse geholfen, denn in Mathematik war ich kein Licht. Die schriftlichen Prüfung  waren gut verlaufen. Von 8 bis 14 Uhr war ein Dampfheizungsprojekt anzufertigen, eine kleine Sache. Da seit vielen Jahren nur Warmwasserheizungen geprüft wurden, hatten sich alle darauf vorbereitet. Gegen 10 Uhr hatte ich das Projekt fertig. Mein Klassenlehrer, Ing. Schwemmekrug, ging vorbei, sah es sich an und sagte: "Vielleicht sehen Sie es sich nochmals an." Nachdem ich alles noch einmal durchgerechnet  hatte, fand ich nichts mehr. Gegen 1/2 11 Uhr gab ich als Erster ab und verschwand schleunigst in unser Kneiplokal. Mein einziger Mitteutone in der Klasse, Fritz Steger, kam auch bald, Andere haben noch bis 14 Uhr gesessen. Es gab 60 Punkte für die Arbeit, ich bekam 58, die fehlenden zwei Punkte betrafen das Ausmalen der Grundrissmauer mit Farbe,